Veröffentlicht in gefällt mir, gegenwärtig, Glück für mich

Zeilen an dich


Mein Liebster,

schon so oft habe ich mit diesen Zeilen begonnen und sie wieder gelöscht. Meine Gefühle in Worte zu fassen, fällt mir so schwer.

Als ich dich vor dreieinhalb Jahren kennenlernte, waren wir gemeinsam auf dem Junggesellinnenabschied einer Freundin. Ich dachte du wärst Vater und glücklich vergeben. Aber da irrte ich mich.

An dem Abend hast du mich mit Fragen gelöchert. Auf der Fahrt zum Tanzen, saßt du dicht neben mir, beim Selfies machen, nahmst du mich in den Arm. Irgendwann meintest du zu mir, dass du dich gern mal mit mir treffen möchtest. Bis dahin hatte ich mich längst in dich verguckt.

Wir trafen uns zum Frühstück, weil ich nur so Zeit finden konnte. Für dich war es überhaupt kein Problem dich nach mir zu richten. Deshalb war unser erstes Treffen zeitlich begrenzt und kein typisches. Du brachtest mich danach zu meinem Repetitorium und wolltest mich küssen. Ich wollte mehr Zeit.

Ich bin kein schüchterner Mensch. Bei dir war ich es aber.

Irgendwann fand ich Zeit für ein zweites Treffen und wir liefen nachts durch die Straßen von Berlin. Es war Frühling und ich verliebt. Weil ich Hunger bekam, aber mir nichts von den Dönerbuden zusagte, gingen wir zu dir. Dort saßen wir in der Küche deiner WG und ich bekam kaum etwas runter vor Aufregung. Du saßt mir gegenüber, lässig im Sweater, trankst einen Tee und ich konnte den Blick nicht von dir lassen. Alles was du damals ausgestrahlt hast, strahlst du noch heute aus. Gelassenheit, Sicherheit, dass alles gut ist wie es ist und wenn nicht, dass du da bist für mich. Du nimmst die Dinge hin, wie sie sind, anstatt dich darüber aufzuregen, überprüfst du deine Erwartungen. Du strahlst Ruhe aus und bei dir fühle ich mich sicher. Du nimmst mich in den Arm. Mit einer Seelenruhe stellst du Fragen, die mich selbst auf die Lösung meines vermeintlichen Problems kommen lassen. Ich fühle mich von dir immer ernst genommen. Dein respektvoller Umgang mit mir, war schon damals so schön.

In der Nacht blieb ich bei dir. Wir redeten und küssten uns und schliefen kaum.

Wir verbrachten unsere Zeit zusammen und schon bald habe ich dich zu uns nach Hause eingeladen. Es war für dich völlig selbstverständlich, mich mit Punkt zu unterstützen und geduldig zu sein, bis wir am Abend Zeit für uns zu zweit haben konnten. Wir lasen gemeinsam „Gut gegen Nordwind“, du sprachst viel von deinem verstorbenen Vater, ich von Punkt und meiner Examensvorbereitung. Wir gingen auch gemeinsam zur Hochzeit unserer Freundin.

Die Zeit, die wir hatten war sehr schön. Du hast mir gezeigt, dass es möglich ist, so was wie Glück zu fühlen, dass nach einem Tief wieder ein Hoch kommt. Und dass ich liebenswert sein kann.

Ich habe mich wieder von dir gelöst, weil mir alles zu viel wurde. Dass du am wenigsten dafür konntest, weiß ich. Dennoch wusste ich mir nicht anders zu helfen. Dir ging es einige Monate sehr schlecht. Danach, meintest du, war dir klar, dass es richtig war. Wir waren verschieden, in verschiedenen Phasen unseres Lebens, jeder mit dem Kopf woanders, wobei bei mir die Baustellen und Sorgen größer waren. Du hast danach die Uni gewechselt, bist wieder nach Berlin gezogen, hast ein Jahr sehr viel mit deiner WG unternommen. Vor einem Jahr warst du dann in Australien. Erst ein halbes Jahr, um zu studieren, dann um zu reisen. Du hast dir Australien, Indonesien, Vietnam und Neuseeland angesehen. Du warst als Backpacker und sehr minimalistisch unterwegs. Du hast deine Zurückhaltung viele Male überwunden, bist mit fremden Menschen in Kontakt gekommen und hast dir auf deinen zahlreichen Wanderungen viele Fragen gestellt.

Ich habe mir in dieser Zeit ebenfalls viele Fragen gestellt. Lebensfragen. Ich habe mein Studium endlich abgeschlossen, wenn auch nicht mit dem Examen. Ich habe mein Leben sortiert und auch mich. Ich habe mich von vielen Dingen, alten Mustern und auch Menschen getrennt, um mich so auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

Während dieser Zeit fiel mir mein Kleid in die Hände, welches ich bei der Hochzeit unserer gemeinsamen Freundin trug. Ich schrieb dir eine Nachricht.

Wir schrieben hin und her. Du in Australien, ich in Deutschland. Unsere Nachrichten waren lang. Und wie ein gutes Gespräch. Der Kontakt hielt über deine gesamte Reisezeit an. Im letzten Monat schrieben wir uns fast täglich. Jeden Morgen nach dem Aufwachen war meine Vorfreude groß und ich las noch im Bett deine Nachrichten, die ich umgehend beantwortete. Es war so schön. Du zeigtest so viel Interesse an mir und meinem Leben. An den Dingen, die mich erfüllen, die ich gern mache, für die ich brenne. Andersherum warst du so offen und ich konnte an deiner Reise teilhaben. Du schicktest mir Bilder und bald folgte ein Gespräch über Skype. Es war für uns klar, dass wir uns wiedersehen wollen, wenn du in Berlin bist.

Wir verabredeten uns in einer für dich sehr emotional schwierigen Zeit. Dein kleiner Neffe, den du vor deiner Reise mit auf die Welt begleitet hattest, war für mehrere Wochen im Krankenhaus und brauchte viele Medikamente und eine schwere Operation. Deine Gedanken waren bei ihm und eigentlich war kein Platz für unser Treffen. Weil es dir wichtig war, fandest du doch einige Stunden. Und um mich war es geschehen.

Bis zu unserem Treffen kam mir nicht ein Gedanken dieser Art. Es war sehr angenehm mit dir zu schreiben. Ich war neugierig und interessiert und wollte dir auch vieles von meinem Leben mitteilen. Aber dass da mehr ist…?!

Und dann saßt du mir wieder gegenüber. So lässig, so attraktiv. Deine Stimme, deine Augen. Und ich kam mir plötzlich wieder so schüchtern vor. Ich war froh, dass wir uns diesmal am Abend trafen, es dunkel war und du mein ein oder anderes Erröten nicht erkennen konntest. Ich hatte das Bedürfnis mich länger von dir in den Arm nehmen zu lassen. Und vor allem mich zu entschuldigen.

Wir telefonierten, ich entschuldigte mich für mein früheres Verhalten. Es sei damals sehr schmerzhaft gewesen, aber das ist natürlich verziehen und du wärest mir nicht böse. Alles sei okay.

Und dann deine Frage was das zwischen und wäre und dein Abweisendes: für dich wäre es nur Freundschaft und mehr nicht. Ich war völlig überrumpelt von deiner Frage und ehe ich meine Gefühle sortieren und ausdrücken konnte, hattest du schon jede Hoffnung genommen. Nur um direkt im Anschluss zu sagen, dass du dich schützen müsstest, um nicht noch einmal so verletzt zu werden. Ein Widerspruch in sich und ich traurig aber auch verständnisvoll. Ich hatte meine Chance.

Wir wohnten zwei Stunden voneinander entfernt und ich versuchte mich auf das Examen zu konzentrieren. Ich wäre doch in der gleichen Situation wie vor drei Jahren und für dich sei doch wieder kein Platz. Wo du recht hast, hast du recht, dachte ich und dennoch, es ist doch jetzt alles anders… Ich fand es merkwürdig so darüber zu sprechen, fast zu diskutieren, weil ich doch mit meinen aufkeimenden Gefühlen gar nicht umgehen konnte. Sie waren viel zu frisch. Wollte ich eine Beziehung? Lieber erstmal nur Zeit zu zweit und weitersehen? Ja das konntest du mir geben, alle zwei bis drei Wochen konnten wir uns für einige Stunden am Abend sehen. Ich musste zu dir kommen, zwei Stunden unterwegs sein, eine Übernachtung organisieren, meine Schwester wohnte zu der Zeit zum Glück in Berlin und Punkt bei Mama unterbringen. Es war viel, aber mir Wert.

Beim ersten Treffen gingen wir ins Kino. Ich sagte mir immer wieder: du bist nur ein Freund und willst nicht mehr. Das klappte ganz gut, bis du mich zum Abschied so lang umarmt hast. Das war fast ein bisschen gemein und doch so schön.

Beim nächsten Treffen konnten wir bei meiner Schwester einen Film sehen und später konntest du bleiben. Der Abend war unvergesslich und später haben wir diesen zu unserem ersten Tag gemacht. Denn so einen richtigen Start hatten wir ja nicht. Es war so ein fließender Übergang. Ich dachte natürlich nach dieser Nacht, dass sich deine Meinung geändert hätte. Doch dem war nicht so. Du brauchtest eine ganze Weile Zeit, um deine Angst vor einer neuen Zurückweisung zu verlieren.

Ich habe eine zeitlang mit in deinem WG-Zimmer gewohnt, wenn ich zur Uni musste, bis deine Mitbewohnerin davon genug hatte. Seitdem suchen wir uns eine gemeinsame Wohnung. Erst wollten wir daraus eine WG mit anderen machen, dann habe ich meinem Examen gänzlich den Laufpass gegeben und gemeint, dass ich mit Punkt nach Berlin komme. Ob du dir eine WG mit uns vorstellen kannst? Nach einer Weile warst du auch für diesen Plan. Mittlerweile sind all die vorsichtigen Überlegungen einer völlig klaren Sicherheit gewichen. Wir wollen als Familie zusammenziehen und Punkt bekommt ein Geschwisterchen.

Du hast mich an den Abenden Karteikarten abgefragt, du hast deine sommerlichen Nachmittage mit mir im Park verbracht und bist mit mir juristische Grundlagen durchgegangen. Du hast zeitig das Licht ausgemacht, wenn ich morgens zur Probeklausur musste und in deinem klitzekleinen WG-Zimmer hatten meine Sachen ausreichend Platz. Als ich dich unter Tränen anrief, um dir zu sagen, dass ich das Examen nicht machen will, dass ich gar nichts mehr mit diesem Jurastudium zu tun haben will, warst du ruhig und verständnisvoll. Du hast mir Zeit gegeben und jetzt unterstützt du mich in dem was ich tun möchte, freust dich mit mir und stehst hinter mir. Wenn ich mich unwohl gefühlt habe, weil deine Schwester sagt, dass du der männliche Part ihres Sohnes bist und du nicht weggehen darfst, weil sie dich für ihren Sohn braucht, hast du mich umarmt. Warst für mich da und hast mir die Angst genommen.

Du bist fleißig, weißt was du willst und tust etwas dafür. Wir können viel reden und schweigen. Zeit die wir zu zweit haben, saugen wir so sehr auf, dass sie uns durch die nächsten Tage schweben lässt. Du hast einige Male gesagt, dass es dir schwer fällt so wenig Zeit mit mir allein zu haben. Und trotzdem machst du alles so gut, so geduldig. Punkt liebt dich. Er ist so viel ruhiger und zufriedener geworden und auch für ihn gehörst du zu uns. Er vermisst dich genauso, wenn du fehlst und fragt nach dir, solltest du mal einen Abend nicht bei uns sein. Du hast ihm das Fußballspielen beigebracht und ihr baut regelmäßig seine Holzeisenbahnschienen um. Er schickt dir Sprachnachrichten und wenn wir irgendwo warten müssen, spielt ihr ganz oft „ich sehe was, was du nicht siehst.“ Wenn meine Nerven zu dünn sind, nimmst du mich in den Arm und verbringst dann die Zeit mit Punkt, während ich mich erholen darf.

Unser erster gemeinsamer Urlaub zu dritt war so entspannend. Wir brauchten keine Uhr, Punkt war zu jeder Zeit zufrieden und wir sprachen die gesamte Zeit so viel über gemeinsame Träume, Ziele, unsere Vergangenheit und viel mehr. Eine Frage brachte mich dazu, dir von meinem jüngsten Kontakt mit dem Außenminister zu erzählen. Weil mir dieser Kontakt sehr viel bedeutete, verletzte dich das sehr. Ich bemerkte auch dadurch wie fest und verbunden wir sind. Mich schmerzte es dich so zu sehen und mir ist klar, dass es nichts Wichtigeres mehr für mich gibt, als dass es uns zu dritt gut geht.

Die Zeit, die wir gerade durchleben ist sehr besonders. Alles ist im Umbruch. Alles verändert sich. Du wirst mit deinem Studium fertig und bewirbst dich für Masterstellen. Regelmäßig sitzen wir vor dem Computer und formulieren passende Zeilen. Ich schreibe meine Bewerbungen und helfe dir. Wir albern viel und träumen viel. Wir haben eine groben Plan geschmiedet. Es ist so schön, dass wir beide alles wollen. Nichts davon ist nur mein Wunsch oder nur deiner. Wir als Paar. Das ist so ein wunderschönes Gefühl.

Ich schreibe Bewerbungen für die Hochschule und kümmere mich um ein Praktikum. Nebenbei schauen wir uns Wohnungen an und hoffen jedes Mal erneut auf eine Zusage. An den Abenden sprechen wir über unseren Nachwuchs, sprechen über Namen und wer wann Elternzeit nimmt.

Ich kuschle mich dann in deinen Arm und in meinem Bauch schwirren die Schmetterlinge vor Glück und Dankbarkeit wie verrückt herum.

Ich bin glücklich mit dir.

Voller Liebe

Deine Summer

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5 Kommentare zu „Zeilen an dich

  1. Diese Zeilen haben heute in der Früh mein Herz „erwärmt“ und tun es immer noch! Wunderbar, ich freue mich mit Euch! YDu ;-) * Wollte gerade sagen, dass ich das schon immer voraus gesagt habe, verzichte aber nun doch darauf, um nicht rechthaberisch zu erscheinen …

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